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18. September 2025Fünf Jahrhunderte Brautradition
„O
hne die Mönche geht hier nichts“, sagt Alexander Reiss. „Sie entscheiden, was wir brauen und helfen bei der Entwicklung neuer Sorten.“ Worum geht’s? Um das bayerische Nationalgetränk: Bier. Und zwar nicht irgendein Bier, sondern das Andechser Klosterbier. Und Reiss ist niemand geringeres als der Betriebs- und Vertriebsleiter in Andechs. Gastgeber Bayern traf ihn gemeinsam mit Abt Johannes zum Gespräch.

© Argum Thomas Einberger
Bier und Benediktiner – ein Dream Team
Seit mehr als 560 Jahren wird am Heiligen Berg in Andechs gebraut. Es ist die letzte große Brauerei im deutschsprachigen Raum, die sich zu 100 Prozent im Besitz eines Klosters befindet. „Zentrale Aufgabe für die Benediktiner ist seit jeher die Wallfahrtsseelsorge“, erklärt Abt Johannes. „Pilger konnten ihre Speisen selbst mitbringen. Das gilt bis heute. Aber mit den Getränken war das schwieriger. Brunnen waren oft verunreinigt. Bier war daher eine keimfreie Alternative, die frisch gebraut werden musste.“
Brauen und Seelsorge sind also seit jeher untrennbar miteinander verbunden. Nicht zuletzt finanziert sich das Kloster über die Gastronomie und Brauerei. „Wir haben über 200 Mitarbeiter. Die wollen bezahlt werden. Zudem kümmern wir uns in München fast täglich um etwa 400 Obdachlose. Spenden reichen da nicht aus“, erklärt der Abt. Die Grundlage dafür: Keine Kompromisse bei der Qualität. „Wo Andechs draufsteht, ist Andechs drin“, betont Reiss. „Wir lassen kein Bier in Lizenz produzieren.“ Das Bier findet Abnehmer in Ländern wie Italien und Skandinavien, in den USA und in Thailand. Überall hat es seinen Ursprung in Sudkesseln aus Andechs.
Das Bier muss zum Kloster passen
„Wir sind sehr wachsam, welcher Zeitgeist beim Geschmack gerade vorherrscht. Andererseits machen wir nicht alle Trends mit“, erklärt Reiss. „Als wir in den 90er Jahren begannen, Weißbier zu brauen, sagten manche: Das passt nicht zu uns. Doch es bestand schlichtweg eine hohe Nachfrage bei Gästen und Kunden.“ Auch beim alkoholfreien Bier war man vorsichtig: „Sechs Jahre lang habe ich mit den Mönchen gesprochen, ob sie ein alkoholfreies Bier brauen möchten. In der Experimentierphase für das Alkoholfreie haben die Mönche viel verkostet. Das Tolle ist: Alle sind Laien in puncto Bier brauen. Sie können also ein ganz unverfälschtes Feedback geben“, erzählt Reiss. Abt Johannes ergänzt: „Wir haben sogar einen blinden Mönch aus einer Familie von Weinbauern bei uns. Der hat eine ganz besondere Sensorik.“ Er betont: „Wir nehmen die Rückmeldungen sehr ernst. Wenn sich unsere Gemeinschaft einig ist, dass das Geschmacksprofil passt, folgen die nächsten Schritte.“ Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Das alkoholfreie Helle aus Andechs wurde bereits mit Preisen prämiert. Im Ausland ist es noch nicht verfügbar, aber „Proben wurden schon verschickt“, nickt Reiss.
Abt Johannes: „Bier ist Lebensgefühl in Bayern!“
Andechs hat das Privileg, nicht nur zur Fastenzeit, sondern das ganze Jahr über Starkbier brauen zu dürfen. Doch egal ob Starkbier oder Alkoholfrei: „Das Bier muss nach Bier schmecken!“, ist Reiss überzeugt. Damit das auch ohne Alkohol gelingt, setzt Andechs auf die Umkehrosmose. „So bleibt der volle Biergeschmack erhalten.“ Zudem vertraut die Brauerei auf das „MehrfachMaischverfahren“: Es ist kosten- und zeitintensiver, doch das Bieraroma kann sich viel besser entwickeln. Auch sonst setzt Andechs auf eine Zutat, die es immer seltener gibt: Zeit. Sieben bis zehn Tage kann die Hefe gären. Das macht sie bekömmlicher. Das Bier wird sechs Wochen gelagert. Ein Zeitraum, den viele Brauereien mittlerweile stark verkürzen. Gibt es denn Vorlieben beim Geschmack? „In Italien mag man unser Doppelbock besonders gern, in den USA hingegen unser dunkles Weißbier. Überraschend gut kommt das alkoholfreie Weißbier in England an“, berichtet Reiss.
Wenn der Hopfen leidet und die Gäste sparen
Doch trotz aller Erfolge: Es gibt eine Fülle an Herausforderungen zu meistern. Reiss kann eine ganze Reihe davon aufzählen: „Der Klimawandel, insbesondere die Trockenheit, machen zum Beispiel dem Hopfen Probleme. Da müssen neue, widerstandsfähige Sorten entwickelt werden.“ Auch der Wettbewerb hat sich deutlich verschärft: „Es gibt einen harten Verdrängungskampf großer Brauereien. Für den Mittelstand ist es schwierig, sich dazwischen zu behaupten. Zudem ändert sich das Konsumverhalten. Alkohol wird kritisch betrachtet. Zeit für geselliges Zusammensitzen schwindet, und auch die finanzielle Wertschätzung für Qualitätsbier. In Italien, Österreich oder Spanien ist die Zahlungsbereitschaft höher. Hierzulande greifen Kunden eher mal zu günstig statt zu gut.“
Trotzdem blickt Reiss tatkräftig nach vorne. Das A und O ist für ihn das Reinheitsgebot. „Viele Länder beneiden Bayern dafür. Es sollte nicht verschwinden.“ Und welche Flasche wird geöffnet, wenn Ruhe auf dem Berg einkehrt? Abt Johannes und Reiss sind sich einig: „Ein Bergbock!“
