
Dr. Thomas Geppert im Gespräch mit Alexander Dobrindt
16. September 2025
Zwischen Sudkesseln und Seelsorge: Bier aus dem Kloster Andechs
16. September 2025
Dr. Thomas Geppert im Gespräch mit Alexander Dobrindt
16. September 2025
Zwischen Sudkesseln und Seelsorge: Bier aus dem Kloster Andechs
16. September 2025Zwischen Mythos, Mode und politischem Symbol
K
ein Kleidungsstück steht so sehr für Bayern wie das Dirndl. Doch hinter der folkloristischen Fassade steckt viel mehr: Geschichte, Projektion, Inszenierung – und ein erstaunliches Maß an Wandelbarkeit. Dr. Karl B. Murr, Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg, erklärt, wie das Dirndl zur kulturellen Projektionsfläche wurde – und warum es bis heute fasziniert.

Das Dirndl ist ein Symbol – aber wofür?
Fragt man Menschen weltweit nach einem typischen Kleidungsstück aus Bayern, lautet die Antwort oft: Dirndl. Fröhlich, ländlich, authentisch – so das Image. Doch Dr. Karl B. Murr widerspricht einer allzu naiven Sicht. „Das Dirndl ist nicht einfach gewachsen, es war von Anfang an aufgeladen“, sagt der Kulturwissenschaftler. Schon im 19. Jahrhundert wurde es über Postkarten, Bauerntheater und Heimatfilme romantisiert und idealisiert. „Das Dirndl wurde zur Projektionsfläche – und ist es bis heute.“
Ursprünge in der Arbeitskleidung – und in der Politik
Ursprünglich war das Dirndl Arbeitskleidung für Bäuerinnen im Alpenraum. Doch ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es politisch. König Maximilian II. von Bayern nutzte Trachtenbewusstsein zur Identitätsstiftung. „Kleidung wurde zur Bühne politischer Repräsentation, etwa bei Volksfesten und Aufmärschen“, so Murr. Tracht war damit nicht nur Ausdruck regionaler Kultur, sondern auch Herrschaftsinstrument
Emanzipation von der strengen Tracht
Mit der Gründung von Trachtenvereinen ab den 1880er-Jahren und der Einrichtung erster Heimatmuseen wurde die Kleidung konserviert – aber auch verändert. „Das Dirndl entwickelte sich zur modischen, populären Variante der strengen Tracht“, erklärt Murr. Für Traditionalisten war das ein Problem – für viele Frauen hingegen ein Zeichen von Aufbruch und Freiheit.
Popkultureller Schub durch Hollywood
Besonders stark wurde das Bild des Dirndls durch Medien und Popkultur geprägt. Ein zentraler Moment war der Erfolg des Films The Sound of Music. „Für viele Amerikanerinnen und Amerikaner ist das Dirndl seither untrennbar mit Österreich und Bayern verbunden“, so Murr. Auch deutsche Auswanderer trugen bei Umzügen in den USA zur globalen Sichtbarkeit bei.
Politisches Symbol – auch im 20. Jahrhundert
Dass Kleidung auch vereinnahmt werden kann, zeigte sich im Nationalsozialismus. Das Dirndl wurde als Teil einer Blut-und-Boden-Ideologie verwendet – mit schwerem Erbe. Heute sei das Kleid weitgehend entpolitisiert, so Murr, auch wenn rechte Parteien gelegentlich versuchen, daran anzuknüpfen. „Der gesellschaftliche Diskurs ist zum Glück lebendig genug, um solche Versuche auszubalancieren.“
Konservativ, sexistisch – oder feministisch?
Ist das Dirndl heute ein konservatives Kleidungsstück? Oder gar sexistisch? „Beides kann sein – je nach Perspektive“, sagt Murr. „Es kann als Rückgriff auf überkommene Rollenbilder gelesen werden, aber auch als selbstbewusste Aneignung weiblicher Stärke.“ Entscheidend sei, wie die Trägerin mit dem Kleid umgeht.
Keine Regeln, viele Varianten
Klassisch besteht ein Dirndl aus Kleid, Bluse, Schürze und Schleife. Es kann schlicht oder aufwendig sein, günstig oder Couture. Feste Regeln gebe es nicht, betont Murr. Auch vermeintliche No-Gos wie fehlende Bluse oder freie Interpretation seien kein Problem: „Das Dirndl lebt von der Wandelbarkeit.“
Ein mythisches Kleidungsstück
Was Murr persönlich am Dirndl fasziniert? „Dass es über Generationen hinweg funktioniert – wie ein mythisches Gefäß, das immer wieder neu befüllt wird.“ Ob auf der Wiesn, im Alltag oder als Designerstück – das Dirndl ist nie nur ein Kleid, sondern immer auch eine Aussage. Ein Beispiel für seine Vieldeutigkeit? Murr verweist auf die Olympischen Spiele 1972 in München. Damals wurden bewusst moderne, poppige Dirndl-Varianten eingesetzt – als Kontrast zur NS-Inszenierung von 1936. Und dennoch: Auch bei den Siegerehrungen kamen klassische Dirndl zum Einsatz. Ein Zeichen für die Spannweite eines Kleidungsstücks, das mehr kann, als man ihm auf den ersten Blick ansieht.
Die Ausstellung...
„Dirndl – Tradition goes Fashion“ im Staatlichen Textil- und Industriemuseum (tim) Augsburg läuft noch bis zum 19. Oktober 2025. Mehr dazu auch hier: timbayern.de
