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ans-Jürgen Rohe reist im Rollstuhl durchs Land und prüft, wie barrierefrei Hotels und Reiseziele wirklich sind. Seine Erfahrungen zeigen: Inklusion beginnt im Kopf – und mit kleinen, praktischen Verbesserungen vor Ort.

Gute Planung ist das A und O. Das gilt für einen gelungenen Urlaub mit körperlichen Einschränkungen umso mehr. Hans-Jürgen Rohe weiß, wovon er spricht. Nach einer Borreliose-Erkrankung ist er seit 2010 auf den Rollstuhl angewiesen. „Gesundheit ist ein Geschenk, das uns jederzeit genommen werden kann“, sagt er. Was man sich aber nicht nehmen lassen sollte: Lebensfreude, Hans-Jürgen Rohe reist im Rollstuhl durchs Land und prüft, wie barrierefrei Hotels und Reiseziele wirklich sind. Seine Erfahrungen zeigen: Inklusion beginnt im Kopf – und mit kleinen, praktischen Verbesserungen vor Ort. Mut und Neugier. Unter dem Titel „Hans-Jürgen rollt“ testet der Siegburger seit einiger Zeit bundesweit Reiseziele auf Barrierefreiheit.
Welche Barrieren gilt es abzubauen, bevor die Reise mit dem Rollstuhl beginnen kann?
Rohe: „Eine umfassende Recherche im Vorfeld ist zwingend notwendig. Ich nutze stets den ÖPNV, um meine Ziele zu erreichen. Aber in einem ICE gibt es derzeit höchstens zwei bis vier Plätze für Rollstuhlfahrer. Hier muss frühzeitig geplant werden, um Tickets zu erhalten. Und das geht dann nicht mit ein paar Klicks. Das muss die Bahn bestätigen und dauert etwa 24 bis 48 Stunden.“
Wie hat sich das Thema inklusives Reisen in den vergangenen Jahren entwickelt? Tut sich was?
Rohe: „Meine Erfahrungen sind zwiespältiger Natur. Es gibt Destinationen, die umdenken und barrierefreie Zimmer zaghaft erweitern. Aber es gibt auch Unterkünfte, die meinen, diese Gästegruppe rentiere sich für sie nicht, und barrierefreie Zimmer wieder abbauen.“ In Deutschland leben etwa zehn Millionen Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Doch nicht nur für diese Gruppe ist eine barrierefreie Umgebung eine Wohltat. Die Gesellschaft wird älter, bleibt länger aktiv und will auch weiterhin in den Urlaub fahren. Auch junge Familien mit Kinderwagen sind dankbar für Gastgeber, die weiterdenken. Barrierefreier Tourismus ist eines der wenigen Segmente mit Wachstum und großem ökonomischen Potenzial in Deutschland. Zur leichteren Orientierung wurde die bundesweit gültige Kennzeichnung „Reisen für Alle“ konzipiert. In Zusammenarbeit mit Betroffenenverbänden und touristischen Akteuren werden Qualitätskriterien entwickelt, nach denen touristische Einrichtungen sich auf ihre Barrierefreiheit prüfen lassen können.
Was halten Sie von solchen Kennzeichnungen?
Rohe: „Ganz grundsätzlich sind sie ein gutes Auswahlkriterium für die Reisevorbereitung. Toll ist, wenn bei der Erhebung nicht nur das Zollstockmaß eine Rolle spielt, sondern auch die persönliche Einschätzung. Werden die Infrastrukturen von Menschen getestet, die selbst mit Einschränkungen leben, haben sie eine andere Perspektive und können Situationen noch besser einschätzen – etwa bei der Essensausgabe im Hotel. Ist das Personal vor Ort gut geschult, empathisch, rücksichtsvoll und aufmerksam, kann ich als Gast viel selbstwirksamer meinen Aufenthalt gestalten.“
Welche Details könnte ein Hotelier oder Gastronom mit wenig Aufwand anpassen, um alle beim Thema Inklusion weiterzubringen?
Rohe: „Ich freue mich, wenn ich nicht alles erfragen muss, sondern vieles in Eigenregie für mich regeln kann. Aber dazu braucht es passende Rahmenbedingungen. Eine gute Beschilderung mit Meterangaben hilft sehr. Ebenso eine Gummibeschichtung an Tablets für das Frühstücksbuffet: Dann rutscht es nicht versehentlich vom Schoß, wenn man sich Essen holt. Genug Platz am Tisch, um leichter mit dem Rollstuhl zu rangieren, ist ebenfalls sehr hilfreich. Wenn der Kaffeeautomat gut zugänglich ist und sich die Warmhaltebehälter auf Augenhöhe befinden, freue ich mich. Übrigens sind Teppiche im Hotel eine rechte Quälerei für Rollstuhlfahrer.
Ich denke, wenn Menschen mit Einschränkungen als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft betrachtet werden, ändert sich schon viel. Berührungsängste abbauen und Personal gut schulen, schafft spürbare Entlastung.“
„REISEN FÜR ALLE“ – ORIENTIERUNG FÜR BARRIEREFREIES REISEN
Das bundesweite Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ hilft Gästen, barrierefreie Angebote leichter zu finden. Koordiniert vom Bundeswirtschaftsministerium wurden gemeinsam mit Betroffenenverbänden und touristischen Akteuren Qualitätskriterien entwickelt, nach denen Betriebe geprüft und gekennzeichnet werden. Mehr Infos unter www.reisen-fuer-alle.de
