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8. April 2026Nicht Brüssel, nicht Berlin: Das Rathaus entscheidet
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ebühren, Sperrzeiten, Genehmigungen: Viele Weichen für Gastronomie und Hotellerie werden auf kommunaler Ebene gestellt. Mit Blick auf die Kommunalwahl zeigt sich, wie stark Entscheidungen vor Ort über das Überleben von Wirtshäusern, lebendige Innenstädte und touristische Attraktivität entscheiden – und wo Städte und Gemein den mehr Handlungsspielraum haben, als oft angenommen wird.

Wenn in einem Dorf das letzte Wirtshaus schließt, ist das selten ein Betriebsversagen. Oft ist es das Ergebnis vieler kleiner Entscheidungen: Gebühren, Auflagen, Sperrzeiten, Stellplatzvorgaben, Genehmigungen. Entscheidungen, die nicht in Brüssel oder Berlin fallen, sondern im Rathaus vor Ort. Mit der Kommunalwahl am 8. März rückt damit ein Politikfeld in den Fokus, das für Hotellerie und Gastronomie zentral ist – und in der öffentlichen Debatte doch häufig unterschätzt wird.
Das Gastgewerbe ist kein Randthema kommunaler Politik. In Bayern erwirtschaften 36.000 meist mittelständische Betriebe jährlich rund 23 Milliarden Euro Umsatz. Knapp 450.000 Menschen arbeiten direkt in Hotellerie und Gastronomie, dazu kommen fast 11.000 Auszubildende. Rechnet man vor- und nachgelagerte Bereiche hinzu, hängt sogar jeder 13. Arbeitsplatz im Freistaat davon ab. Nach der Industrie ist der Tourismus heute Bayerns zweitwichtigste Leitökonomie – ohne funktionierende Gastronomie und Hotellerie wäre sie nicht denkbar.
Doch die ökonomische Bedeutung ist nur ein Teil der Geschichte. Gasthäuser sind soziale Orte: Treffpunkte, Identitätsanker, Orte des Austauschs. Mehr als ein Drittel der Menschen gibt an, dass das gastronomische Angebot bei der Wahl ihres Wohnortes wichtig oder sehr wichtig ist. Wo Gasthäuser verschwinden, verliert ein Ort nicht nur Umsatz, sondern Lebensqualität.
Strukturbruch statt schleichender Veränderung
Trotzdem steht das Gastgewerbe unter massivem Druck. Nach Pandemie, Energiekrise und Inflation scheint sich die Branche zwar insgesamt zu stabilisieren – doch der Blick auf die Details zeigt einen tiefgreifenden Strukturwandel. Gewinner sind häufig Hotel Garnis ohne Restaurant, Systemgastronomen, Cafés oder Event-Caterer. Verlierer sind vor allem familiengeführte, personalintensive Betriebe, insbesondere im ländlichen Raum.
Das sogenannte Wirtshaussterben hat mittlerweile ein Ausmaß erreicht, das auch Wissenschaftler als strukturpolitisch problematisch einstufen. Denn ohne gastronomische Basis verliert der Tourismus in vielen Regionen seine Grundlage. Für manche Gegenden ist er jedoch die letzte realistische wirtschaftliche Perspektive – und damit entscheidend für gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land.
Hinzu kommt: Der Kostendruck steigt, während die Ertragsmöglichkeiten sinken. In Schankwirtschaften liegt der rechnerische Unternehmerlohn teils unter fünf Euro pro Stunde. Auf denselben Umsatz kommen in der Gastronomie ein Vielfaches an Beschäftigten wie im Lebensmitteleinzelhandel. Für die nächste Generation ist das oft kein attraktives Geschäftsmodell mehr. Die Folge: fehlende Nachfolger, beschleunigte Marktbereinigung, zunehmende Konzentration.

Kommunalpolitik als Mitverursacher - und Lösung
Viele dieser Entwicklungen lassen sich nicht allein durch Marktmechanismen erklären. Kommunale Entscheidungen wirken direkt auf die wirtschaftliche Realität der Betriebe. Der DEHOGA Bayern benennt in seinem Wahlcheck eine Reihe von Punkten, an denen Städte und Gemeinden erheblichen Einfluss haben.
Dorfgemeinschaftshäuser etwa werden im Rahmen von Dorferneuerung oder Städtebauförderung oft staatlich gefördert – und treten nicht selten in direkte Konkurrenz zu bestehenden Wirtshäusern. Dies wird dort problematisch, wo es funktionierende Betriebe gibt und dennoch öffentliche Alternativen aufgebaut werden, die paragastronomisch von Vereinen betrieben werden.
Vereinsfeste sind ein weiterer Konfliktpunkt. Sie gehören zum gesellschaftlichen Leben, können aber – insbesondere bei hoher Dichte und fehlendem „besonderem Anlass“ – zu einer dauerhaften Wettbewerbsverzerrung werden. Kommunen könnten hier stärker moderieren und Kooperationen zwischen Vereinen und gewerblicher Gastronomie fördern, statt Konkurrenz zuzulassen.
Auch bei Sperrzeiten für Außengastronomie zeigt sich, wie groß der kommunale Gestaltungsspielraum ist. Anwohnerschutz ist wichtig. Gleichzeitig können zu starre Regelungen lebendige Innenstädte verhindern. München hat mit flexibleren Sperrzeiten gezeigt, dass Ausgleich möglich ist – und Investitionen begünstigt.
Besonders belastend empfinden viele Betriebe die Gebühren- und Genehmigungspraxis. Mehrfache Konzessionsgebühren bei Gesellschaften, neue Anträge für temporäre Veranstaltungen oder hohe Gebühren für Außengastronomie auf kommunalem Grund erhöhen Kosten, ohne erkennbaren Mehrwert zu schaffen. Maßvolle, einheitliche Regelungen könnten gerade kleinen Betrieben Luft verschaffen.
Hinzu kommen Stellplatzvorgaben, die Innenstadtkonzepte ausbremsen, sowie lange Bearbeitungszeiten in der Verwaltung. Was formal korrekt ist, wirkt in der Praxis oft wie eine Investitionsbremse.
Mehr als Wirtschaftspolitik
Über diese Fragen hinaus berührt Kommunalpolitik auch Themen wie Mitarbeiterwohnungen, ÖPNV-Anbindung, digitale Infrastruktur oder Tourismusmarketing. Gerade personalintensive Betriebe leiden unter Wohnungsmangel für Beschäftigte. Konzepte wie Mitarbeiterwohnungen, die Nutzung bestehender Flächen oder Kooperationen über Branchen hinweg könnten hier helfen.
Tourismus wiederum endet nicht an Gemeindegrenzen. Gäste denken in Regionen, nicht in Zuständigkeiten. Vernetztes Marketing entlang der „Customer Journey“ wird deshalb immer wichtiger – ebenso wie der Ausbau digitaler Netze, auf die insbesondere das Beherbergungsgewerbe angewiesen ist.
Wahljahr mit Signalwirkung
Die Kommunalwahl 2026 ist kein Fachthema für Funktionäre. Sie entscheidet mit darüber, ob Gastronomie und Hotellerie als Belastung oder als Standortfaktor verstanden werden. Viele der entscheidenden Stellschrauben liegen direkt vor Ort: bei Gebühren, Genehmigungen, Nutzungskonflikten, Investitionsbedingungen.
Ob Wirtshäuser verschwinden oder Orte lebendig bleiben, ist deshalb auch eine Frage kommunalpolitischer Haltung. Das Gastgewerbe ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – wirtschaftlich, sozial und kulturell. Die Kommunalpolitik entscheidet, ob sie dafür die passenden Rahmenbedingungen schafft.
