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irtshäuser sind mehr als Orte zum Essen und Trinken: Sie stiften Gemeinschaft und halten das soziale Gefüge zusammen. Kira Schinko, Initiatorin von Wirtshausprojekten, erklärt, warum ihr Verschwinden weitreichende Folgen hat – und wie neue Ideen gegensteuern können.

(c) Pamela Rußmann
„Ein Wirtshaus ist kein gewöhnlicher Betrieb. Es ist Teil der kritischen Infrastruktur. Ähnlich wie ein Feuerwehrhaus oder eine Bushaltestelle.“ Sätze wie diese zeigen, wie sehr Kira Schinko das Thema Wirtshauskultur durchdrungen hat. Schon als Kind saß sie dort gerne mit am Tisch. Heute kämpft sie vor und hinter der Kamera gegen den Niedergang. Für den ORF gestaltet sie mit der Filmproduktion Jenseide die Serie „Aufsperren statt Zusperren. Ist das Wirtshaus noch zu retten?“, in der leerstehende Wirtshäuser für einen Tag wiederbelebt werden.
Auch Österreich kennt das Problem: Ein Lokal nach dem anderen sperrt zu. Die Gründe ähneln jenen in Bayern: hohe Investitionen, steigende Kosten, fehlende Nachfolge, Büro kratie, wenig politische Unterstützung und ausbleibende Gäste. Besonders auf dem Land hat das spürbare soziale Folgen.
„DAS ‚WIR‘ IM WIRTSHAUS IST ENTSCHEIDEND“
„Wo ist Raum für Begegnung mit Anderen, jenseits der eigenen Häuser? Wo kreuzen sich die Wege von Jungen und Alten?“, fragt Schinko. Ihre Beobachtung: „Auf dem Land fehlen immer öfter Orte für Gemeinschaft. Die Jungen treffen sich an Tankstellen oder in Fitnessstudios. Und die Alten sitzen in ihren Häusern.
“ Für sie ist klar: „Das Wirtshaus ist ein Ort, wo wir auch Demokratie verhandeln.“ Hier treffen Generationen aufeinander, kommen Menschen miteinander ins Gespräch, entsteht Verbindung. „Das ‚Wir‘ im Wirtshaus ist wichtig. So entsteht ein Gefühl von Identität.“
Welche Folgen fehlende Treffpunkte haben, werde oft unterschätzt. „Politikverdrossenheit und kollektive Wut gehen Hand in Hand mit einem fehlenden Gemeinschaftsgefühl“, so Schinko. Für sie ist klar: „Das Wirtshaus sichert den sozialen Frieden.“ Gerade Bürgermeister sollten hier genauer hinschauen und Wege finden, um diese Strukturen zu erhalten.
GEMÜTLICHKEIT MIT GESCHICHTE
Die Rolle des Wirtshauses hat eine lange Tradition. „Das hängt mit dem Bier und der Brauereikultur zusammen“, sagt Schinko. Brauerei und Wirtshaus entwickelten sich oft an gemeinsamen Standorten entlang von Transportwegen, wo man Rast machte, Pferde wechselte oder über Nacht blieb. Handel und Markttage förderten diese Entwicklung zusätzlich.
„Immer mehr Menschen konsumierten dort Speisen und Getränke“, sagt Schinko. Wirtshäuser seien auch die ersten Orte mit professioneller Kühlung gewesen. Neben der Kirche entwickelte sich das Wirtshaus zum sozialen Anker – ein Ort, an dem man zusammenkam, Feste feierte und Gemeinschaft erlebte.
Umso größer ist für Schinko die Irritation über den aktuellen Wandel: „Mich hat überrascht, wie sehr diese Strukturen heute zerbröselt sind. Ich frage mich dann: Wo trefft ihr euch im Ort noch zufällig?“ Selbst Begräbnisse müssten inzwischen oft an die Öffnungszeiten der letzten verbliebenen Wirtshäuser angepasst werden.
SOZIALMINISTERIUM MUSS MIT INS RETTUNGSBOOT
„Behörden sollten dringend erkennen, dass Wirtshäuser wichtige Identitätsorte sind“, betont Schinko. Mit Blick auf die österreichische Politik geht sie noch einen Schritt weiter: „Nicht nur im Tourismus- sondern auch im Sozialministerium und beim Wirtschaftsministerium muss das Thema verankert werden.“
Zugleich sieht sie strukturelle Hürden: „Die Bürokratie stellt hohe Auflagen. Banken finanzieren oft nur noch altbekannte Konzepte. Ich habe derzeit nicht das Gefühl, dass der Staat will, dass Bürgerinnen und Bürger neu gründen.“ Für neue Ideen fehle der Raum.
Schinko plädiert deshalb für mehr Experimentierfreude – etwa durch Pop-up-Konzepte, die für einige Jahre mit geringeren Auflagen erprobt werden können. Auch in der Ausbildung sieht sie Nachholbedarf: Selbstständigkeit komme kaum vor, stattdessen werde häufig davon abgeraten. Mentoren aus der Praxis könnten hier helfen.
Hinzu kommt ein Imageproblem: „Wer nichts wird, wird Wirt!“ – solche Sprüche schadeten einer Branche, die hohe Anforderungen stelle. Gleichzeitig beobachtet Schinko ein verändertes Verhältnis zwischen Gästen und Wirten. Erwartungen seien gestiegen, Kritik werde oft direkt öffentlich geäußert, statt das Gespräch zu suchen.
ZWISCHEN IMBISS UND FINE DINING
Schinko sieht das Wirtshaus an einem Wendepunkt: „Zwischen Imbiss und Fine Dining droht der Mittelbau kaputtzugehen.“ Dabei erfülle das Wirtshaus weit mehr als eine kulinarische Funktion: „Es hat einen Kulturauftrag.“
Eine mögliche Zukunft sieht sie in neuen, freieren Konzepten – Orten, die sich bewusst von klassischen Strukturen lösen und mehr Spielraum für Ideen bieten. Dafür brauche es vor allem eines: Vertrauen. Politik, Behörden und Banken müssten Rahmenbedingungen schaffen, die Innovation ermöglichen.
Ihr Wunschbild ist klar: „Ich wünsche mir volle Tische, wo alle Generationen, Ge schlechter und Ansprüche einen Platz finden. Einen Ort, wo gezielt vermittelt wird: Du bist ein Teil von uns.“
ÜBER KIRA SCHINKO
Kira Schinko hat Kommunikationswirtschaft studiert, war lange in der Agenturwelt tätig und ist Mitbegründerin der vielfach prämierten Designagentur Ortner Schinko. Heute arbeitet sie als selbstständige Beraterin und Moderatorin. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Salzkammergut 2024 konzipierte und produzierte sie die „Wirtshaus-Show“, die Wirtshauskultur mit Klein kunst-Elementen verband. Im Anschluss entwickelten Jenseide/ORF mit ihr die sechsteilige Serie „Aufsperren statt Zusperren“. In der Reality-TV-Sendung werden leerstehende Wirtshäuser für einen Tag wiederbelebt, um die soziale Bedeutung dieser Orte zu beleuchten.
