
Wirtshaus mit Weitblick
25. Juni 2026
Wirtshaus mit Weitblick
25. Juni 2026Stadtführerin aus Leidenschaft Bamberg verführt
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ie kam fürs Studium, verlor ihr Herz an die Stadt und blieb: Anneke Groot weiß, wo es langgeht. Seit fast zwei Jahrzehnten führt sie Besucher durch Bamberg.

„Bitte dem Radfahrer kurz Platz machen.“ Geduldig lotst Anneke Groot die Besucher Bambergs durch Straßen und Gassen. Zwischen all dem bezaubernden Fachwerk, Dom und Residenz verlieren Touristen schnell den Blick für den Verkehr. Als zertifizierte Gästeführerin hat sie das Geschehen aber stets voll im Blick. Seit 16 Jahren führt Groot Besucher durch die UNESCO-Welterbe-Stadt. „Ich liebe Bamberg. Trotz vieler Kriege ist hier so gut wie alles im Original erhalten. Jede Ecke erreicht man ganz leicht zu Fuß oder per Fahrrad. Und auch in der Natur bin ich schnell.“
Ihre Begeisterung für das „fränkische Rom“ sieht man, und sie springt sofort über. Lebendig und spannend vermittelt sie Stadtgeschichte mit all ihren Facetten. Groot kennt jeden Winkel der Stadt – und davon gibt es in Bamberg reichlich. Von Mai bis Oktober ziehen die Straßen und Gassen Heerscharen von Besuchern in ihren Bann. Sie kommen aus China, Neuseeland, Australien, den USA, aber vielfach auch aus Europa. Nach einer Anreise per Bus oder Schiff haben einige von ihnen nur wenige Stunden, um dieses architektonische Juwel zu bewundern. „Das Zeitfenster ist für manche sehr eng“, weiß Groot. „Da muss ich mich bei der Stadtführung auf die wesentlichen Punkte beschränken.“ Umso besser, wenn gerade Gäste dieser Gruppen ihr sagen: Bamberg ist das Schönste, was sie auf ihrer Tour bislang sehen durften.
ERST KULTUR, DANN EINKAUFSTOUR
Auch wenn Touristen das Stadtbild im Sommer prägen und vielleicht manchem Bamberger Bürger zu viel werden, weiß Groot: „So viel ist das hier gar nicht. In Städten wie Amsterdam sind die Straßen deutlich voller. Und: Wo wären wir ohne die Touristen? Sie beleben unsere Wirtschaft.“ Denn neben dem Kulturgenuss steht für viele auch eine Einkaufstour auf der Liste. „Ich erlebe oft, dass sich Gäste über die Shoppingmöglichkeiten in Bamberg sehr freuen, besonders Spanier und Gäste von Flusskreuzfahrtschiffen.“ Nicht einige wenige Souvenirläden werden besucht, sondern verschiedene Bereiche im Einzelhandel. Groot weiß: „In den Taschen landen Schokoladen aus Manufakturen genauso wie Schuhe oder Produkte vom Markt. Die freuen sich einfach über Läden, die es bei ihnen nicht gibt.“ So begreift Groot ihre Aufgabe auch als Vermittlerin zwischen Einheimischen und Gästen: Besucher begeistern und gleichzeitig Verständnis wecken für die Bereicherung durch die Touristen.
BALANCE ZWISCHEN INFOTAINMENT UND LANGEWEILE
Führungen durch die Stadt genießen kann jeder. „Es gibt sogar ab und zu spezielle Aktionstage für Bamberger.“ Auch Kinder und Jugendliche begleiten ihre Führungen. „Da muss ich aufpassen, dass sie das Interesse nicht verlieren. Ein Dialog mit vielen Fragen hilft. Manche freuen sich auch sehr, wenn sie hören, dass zahlreiche Szenen aus dem Film „Die Schule der magischen Tiere“ in Bamberg gedreht wurden.“ Wenig Interesse an religiösen Zusammenhängen haben oft Gäste aus Japan oder China. „Denen brauche ich nicht lange etwas über einen Bischof erzählen. Die haben einen ganz anderen theologischen Hintergrund – und wenig Zeit. Für die sind tolle Fotoplätze meist sehr wichtig.“ Besonders in Erinnerung blieb ihr eine Führung für Sehbehinderte: „Sie nehmen eine Stadt viel intensiver mit anderen Sinnen wahr, etwa über den Geruch, oder das Gehör. Das hat mich sehr beeindruckt.“
Und was stört auf einer Führung? „Totales Desinteresse. Das erlebe ich manchmal, wenn Gäste die Führung mitmachen müssen, etwa bei manchen Betriebsausflügen.“ Störend sind auch Telefonate oder Gespräche während der Führung. „Manche wollen auch mit einer Flasche Bier rumlaufen. Das passt einfach nicht.“ Höchstens 25 Personen umfassen die Gruppen. Wenn da jemand zum vereinbarten Zeitpunkt nicht am Treffpunkt ist, kratzt das ebenfalls an den Nerven – insbesondere, wenn enge Zeitpläne eingehalten werden müssen, weil Schiffe und Busse weiterfahren. „Grundsätzlich bringt mir die Arbeit viel Spaß. Die Gäste sind im Urlaub, gut gelaunt und meist sehr interessiert.“
Und hat Groot einen Lieblingsplatz in ihrer Lieblingsstadt? „Ja, schon“, lacht sie, „aber den verrate ich lieber nicht. Sonst kommen die Leute mit ihrem Instagram.“ Trotzdem kann sie jedem eine Empfehlung sehr ans Herz legen: „Der Lesesaal in der Staatsbibliothek in der Neuen Residenz. Überall schönster Stuck, alte Bücherregale. Wenn ich im Sommer dort am Fenster sitze mit Blick auf den Rosengarten, bin ich einfach rundum glücklich.“
