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„Gemeinsam finden & binden“

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Fachkräfteprobleme im Tourismus künftig mit Personalkooperationen lösen? Celine Chang, Professorin für Human Resources Management an der Fakultät für Tourismus der Hochschule München, ist davon überzeugt. Ein Gespräch über Ihre Fachkräftestudie, mögliche WIN-WIN-Situationen und Förderprogramme.

 
F rau Chang, Sie haben im Rahmen des Projekts „Trail for Health Nord“ eine Fachkräftestudie in den Regionen Abtenau, Bad Reichenhall und Tegernsee durchgeführt und empfehlen, im Tourismus vermehrt auf Personalkooperationen zu setzen. Warum?
Wie in anderen Regionen, ist auch bei den von uns befragten Tourismusbetrieben der Fachkräftemangel mitten im Alltag angekommen. 57 Prozent gaben an, aktuell Stellenbesetzungsprobleme zu haben. Für 70 Prozent ist die Abwanderung in andere Branchen ein Problem, für 36 Prozent in andere Städte. Zugleich kritisierten bis zu 100 Prozent der Arbeitnehmer den Wohnraummangel in ihrer Region und bis zu 76 Prozent den schlecht ausgebauten Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Den Betrieben fehlen HR-Strategien – 80 Prozent haben keinen eigenen Personalverantwortlichen. Den Landkreisen und Städten fehlen bezahlbarer Wohnraum und arbeitszeitfreundliche ÖPNV-Konzepte. Und insgesamt machen Fachkräfte ihre Jobwahl immer mehr von der Attraktivität des Arbeits- und Lebensraums abhängig. Personalkooperationen auf regionaler Ebene mit anderen Tourismusunternehmen, anderen Branchen, Standortmarketing- und Wirtschaftsförderungsgesellschaften, anderen Arbeitsmarktakteuren und Bildungsträgern können Fachkräfteproblemen gemeinschaftlich und ganzheitlich entgegenwirken. Genauso wie überregionale Kooperationen mit anderen Destinationen, Branchen und der Politik. Sie bündeln Know-how und Ressourcen, sichern Umsetzung und Qualität. Gerade für KMU ist dies eine große Chance.
 
 
 

 
Warum wird bisher kaum in HR-Fragen zusammengearbeitet?

Experten in den Regionen sprachen von den Vorbehalten, mit Wettbewerbern zu kooperieren und Einblicke in den Betrieb zu geben. Zudem besteht die Angst, dass Mitarbeiter abgeworben werden. Um mehr Vertrauen zu erzeugen, können Vereinbarungen helfen, z. B. kein Personal abzuwerben. In den untersuchten drei Regionen arbeiten die Betriebe bisher am meisten mit Verbänden, externen Beratungsfirmen und Kammern zusammen, nur wenige mit anderen Unternehmen.

Sie haben ein Fachkräftekonzept für regionale und überregionale Kooperationen erarbeitet. Bei welchen Themen lässt sich wie zusammenarbeiten?

Auf überregionaler Ebene lohnen sich z. B. Kooperationen in puncto Mitarbeiteraustausch, Weiterbildung mit Bildungsträgern sowie im Rahmen von Förderprogrammen. Regionale Maßnahmen wären z. B. im Bereich Recruiting, Weiterbildung und Austausch mit Schulen möglich.Denkbar sind auch regionale HR-Manager, die die Themen koordinieren und die Betriebe bei der Professionalisierung ihrer HR-Arbeit beraten. Wie erfolgreich die wenigen bestehenden Kooperationen arbeiten, konnten wir gerade bei unserer zum Thema stattgefundenen Fachtagung “HR live 2018” zeigen. „Work for us“ z. B. ist ein regionaler Verbund mit 27 Tourismusbetrieben aus dem österreichischen Pinzgau, der bei Recruiting, Personalentwicklung, Schulkooperationen und Benefits miteinander kooperiert. Aus einem geförderten Qualifizierungsverbund hervorgegangen, finanzieren die Beteiligten den Verbund inzwischen selbst und sehen den Austausch als Win-Win-Situation.

Die Politik kann also auch als Initialzünder für HR-Kooperation agieren?

Unbedingt. Förderprogramme ermöglichen oft die Gründung von Initiativen und die Finanzierung eines neutralen Koordinators – dieser ist erfolgsentscheidend, da er Vertrauen stiftet, Ideen umsetzt und vorantreibt. Es gibt solche Programme zum Teil, genauso wie detaillierte Arbeitsmittel, aber öffentliche Träger sollten hier noch mehr Transparenz im „Förderdschungel“ schaffen. Zugleich ist es wichtig, dass die Politik dabei hilft, die Tourismus-Forschung voranzubringen – die KMU-geprägte Tourismusbranche hat oft nicht die Mittel dafür. Bei der aktuellen Fachkräftestudie bietet es sich z. B. an, im Rahmen eines Anschlussprojekts den Aufbau einer Art Pilot-Kooperation zu unterstützen und wissenschaftlich zu evaluieren.

Vielen Dank für das Gespräch. Das Interview führte Sylvie Konzack.

Zum Projekt "Trail for Health Nord":

Im mit EU-Mitteln finanzierten Projekt des Interreg Österreich-Bayern 2014-2020 Programms, Trail for Health Nord, haben sich die touristischen Regionen Abtenau, Bad Reichenhall und Tegernsee mit der PMU-Salzburg, der LMU-München, der Hochschule München und der ITG-Salzburg zusammengeschlossen, um gemeinsam grenzüberschreitende, gesundheitstouristische Konzepte zu entwickeln. Neben der medizinischen Evidenz von natürlichen Heilressourcen werden die Themen Klimawandel und Fachkräftestrategien im Tourismus behandelt. Weitere Informationen unter www.trail-for-health.com