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Spätestens seit seinem zweifachen Olympiatriumph in Lillehammer 1994 ist Markus Wasmeier eine lebende Legende des Skisports. Nach seinem Rücktritt arbeitete der sympathische Oberbayer 20 Jahre lang als TV-Experte für die ARD. Derweil blieb der 54-Jährige stets eng mit seiner Heimat verbunden und baute am Schliersee mit traditionellen Techniken und eigenen Händen ein altbayerisches Dorf auf, das heute ein Museum ist. Im Gespräch mit „Gastgeber Bayern“ berichtet Wasmeier über dieses besondere Projekt und sein persönliches Verhältnis zu Tradition und Brauchtum.

 

H

err Wasmeier, seit vier Jahren gibt es in Bayern ein Heimatministerium, seit Kurzem mit Horst Seehofer auch einen Heimatminister in Berlin. Was verstehen Sie persönlich unter Heimat?

Eine Heimat zu haben, ist eine Wunschvorstellung, die wohl alle Menschen auf der Welt teilen. Dabei geht es in erster Linie darum, sich an einem bestimmten Ort zuhause zu fühlen.

 
 
 

 

Und welcher Ort ist das bei Ihnen?

Ich hatte das Glück, an einem Ort auszuwachsen, der für mich von Beginn an untrennbar mit besagtem Heimatgefühl verbunden ist. Ich habe dort meine Kindheit verbracht, eine eigene Familie gegründet, ein Haus gebaut. Um sich wohlfühlen zu können, braucht es ein idealtypisches Umfeld, in dem man sich ausleben und verwirklichen kann. Ich brauche Berge, ich brauche vier Jahreszeiten und ich brauche Tradition. Das alles finde ich in Schliersee, weshalb ich mich dort tief verwurzelt fühle.

In Ihrem aktuellen Buch „Dahoam“ befassen Sie sich ebenfalls mit dem Begriff Heimat. Warum liegt Ihnen dieses Thema besonders am Herzen?

Ich finde, dass die Kernbedeutung des Begriffs Heimat viel zu häufig missverstanden wird. Die anhaltende und emotional aufgeladene Diskussion über Flüchtlingspolitik zeigt doch, dass eine Sache längst in Vergessenheit geraten ist: Auch wir, die wir uns in Bayern und Deutschland zuhause fühlen, waren einst auf Wanderschaft, um unsere Heimat zu finden. Deshalb darf es doch keine Rolle spielen, wo jemand herkommt, wie er aussieht und woran er glaubt – denn jeder Mensch braucht eine Heimat, jeder Mensch hat das Recht, sich eine Heimat aufzubauen. Das sollten wir alle wieder respektieren lernen.

Glauben Sie, dass Heimat immer mit einem bestimmten Ort verbunden ist?

Nicht zwangsläufig. Es geht dabei eher ums Umfeld. Auch ein Sportverein kann beispielsweise deine Heimat sein, wenn du dort von Menschen umgeben bist, die dir guttun, und du Dinge unternehmen kannst, die dir Spaß machen. Unter Gleichgesinnten fühlt man sich schließlich überall heimisch.

Demnach gibt es für Sie selbst keine regionalen Grenzen, die Ihre Heimat ausmachen?

Doch, die gibt es schon, was allerdings in erster Linie eine Sache des Gefühls und der Identifikation ist. Ich bin in Bayern aufgewachsen und damals wie heute in Bayern zuhause. Dass ich darauf stolz bin, sollen ruhig alle wissen.

In Zeiten der Globalisierung und des technologischen Fortschritts wird der Heimatbegriff wesentlich freier ausgelegt als in der Vergangenheit. Fürchten Sie, dass dadurch Traditionen und Bräuche sukzessive an Bedeutung verlieren?

Sicherlich ist die Welt kleiner geworden, weil die meisten Menschen wesentlich mobiler sind als noch vor einigen Jahren. Ich bezweifle jedoch, dass Internetforen und soziale Netzwerke dauerhaft jenes Heimatgefühl ersetzen können, das ich beschrieben habe.

Für Gastronomen, die in ihrer Heimat verwurzelt sind, spielt der Einsatz regionaler Produkte eine wichtige Rolle. Was ist Ihrer Meinung nach besser: Nicht-Bio-Lebensmittel aus der Region oder Bio-Lebensmittel von weiter her?

Dann lieber Nicht-Bio. Wenn man Wert auf Nachhaltigkeit legt, ist es doch sinnlos, bestimmte Zutaten Hunderte oder Tausende Kilometer durch die Gegend zu fahren. Regionalität hat schließlich auch mit Nähe zu tun: Je näher ich an meinem Lieferanten dran bin, desto besser kann ich die Qualität seiner Produkte einschätzen. Mir ist es immer am liebsten, wenn ich den Produzenten persönlich kenne und weiß, wie er arbeitet. Das kann keine Bio-Zertifizierung der Welt aufwiegen.

In Ihrem Museumsdorf betreiben Sie selbst ein Wirtshaus, in dem Sie bayerische Spezialitäten anbieten. Dabei kommen doch sicher ausschließlich heimische Produkte zum Einsatz?

Wir beziehen tatsächlich sämtliche Waren aus einem Umkreis von 25 Kilometern. Dabei schauen wir natürlich in alle Himmelsrichtungen und profitieren unter anderem davon, dass die österreichische Grenze und auch das bayerische Flachland nicht weit entfernt sind. Dadurch können wir auf eine wunderbare Produktvielfalt zurückgreifen.

Bereits seit vielen Jahren veranstalten Sie Schafkopf-Turniere. Ist das „Karteln“ für Sie auch heute noch fester Bestandteil des bayerischen Brauchtums?

Das „Karteln“ gehört für mich einfach zur bayerischen Wirtshauskultur dazu. Wenn ein Gast bei uns spielen möchte, kann er das jederzeit tun. Hinzu kommt, dass „Schafkopfen“ eine ganz besondere Form der Kommunikation darstellt und deshalb völlig zurecht sehr beliebt ist. Es begeistert mich immer wieder aufs Neue zu sehen, mit welcher Begeisterung die Menschen dabei sind, wenn wir unsere Turniere veranstalten.

Apropos Begeisterung: Davon haben Sie beim eigenhändigen Aufbau Ihres Freilichtmuseums nachweislich jede Menge an den Tag gelegt. Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, solch ein ehrgeiziges Projekt umzusetzen?

Da muss ich weit zurückblicken: Als ich elf Jahre alt war, das war 1974, hat mein Vater einen großen Traum verwirklicht und ein altes Bauernhaus gekauft, das wir beide zusammen Stück für Stück abgebaut und später an anderer Stelle wieder aufgebaut haben. Das war natürlich eine prägende Erfahrung, weshalb ich seit meiner Kindheit das Ziel hatte, als Handwerker zu arbeiten. Dies hat mich bestärkt, nach dem Ende meiner Sportlerkarriere wieder daran anzuknüpfen und die letzten Baudenkmäler meiner Heimat aus dem 16. und 17. Jahrhundert vor dem Verfall zu retten.

Inzwischen sind rund 80 Mitarbeiter im Museumsdorf tätig, das von einem gemeinnützigen Verein getragen wird. Sie selbst verdienen mit der Einrichtung keinen Cent. Wie wichtig ist Ihnen das Ehrenamt?

Mit dem Freilichtmuseum habe ich mir nicht nur einen persönlichen Lebenstraum erfüllt, sondern nach all den erfolgreichen Jahren im Rampenlicht auch die Chance ergriffen, meiner Heimat etwas zurückzugeben. Ich durfte als Architekt, Denkmalforscher, Baggerfahrer und Schreiner wirken, bin im Lauf der Zeit zum Manager eines Großprojekts geworden, dessen Dimensionen anfangs nicht zu erahnen waren. All diese Erfahrungen und die Gewissheit, einen Teil unseres Kulturguts erhalten zu können, sind für mich in Summe unbezahlbar.

Welche Bedeutung hat für Sie ein Wirtshaus für den Zusammenhalt einer Dorfgemeinschaft?

Im Freilichtmuseum merke ich es ja immer wieder selbst: Ein Wirtshaus trägt dazu bei, dass die Menschen an einem Ort verweilen können und ins
Gespräch kommen. Einen gemeinsamen Treffpunkt zu haben, an dem man das Hier und Jetzt genießen kann, ist doch etwas Wunderbares.

Während Ihrer Sportkarriere haben Sie bestimmt unzählige Restaurants auf der ganzen Welt kennengelernt – was unterscheidet aus Ihrer Sicht einen guten von einem weniger guten Betrieb?

Ganz wichtig ist es, die eigenen Qualitäten richtig einzuschätzen und auch bewusst mit anderen Gastronomen zu vergleichen. Am Ende geht es nämlich schlichtweg darum, seine Gäste so zu betreuen, wie man selbst gerne betreut werden möchte, wenn man woanders einkehrt.

Die letzte Frage richtet sich ebenfalls an den Weltenbummler Markus Wasmeier: Wie sieht es bei Ihnen eigentlich mit dem Verhältnis von Heimweh und Fernweh aus?

Ich bin ein sehr neugieriger Mensch. Das ist wohl der wesentliche Grund, warum ich trotz aller Verbundenheit zur Heimat regelmäßig die Welt bereise. Ich hätte überhaupt kein Problem damit, ein halbes Jahr unterwegs zu sein – schließlich weiß ich ja genau, wo für mich „dahoam“ ist.

ZUR PERSON:

Markus Wasmeier wurde am 9. September 1963 im oberbayerischen Schliersee geboren und ist bis heute eng mit seinem Heimatdorf verbunden. Der Sohn eines Lüftlmalers und Restaurators stand als Zweijähriger erstmals auf Skiern und gewann als Fünfjähriger sein erstes Schülerrennen. Nach der Schule absolvierte Wasmeier eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Anschließend verpflichtete er sich bis 1994 bei der Bundeswehr, um als Sportsoldat von den guten Trainingsmöglichkeiten zu profitieren. Einen ersten Karrierehöhepunkt bildete die Weltmeisterschaft 1985 in Bormio: Ohne zuvor ein Weltcuprennen gewonnen zu haben, sicherte sich der heute 54-Jährige überraschend die Goldmedaille im Riesenslalom. In den folgenden Jahren etablierte sich Wasmeier in der Weltspitze. Zum Abschluss seiner aktiven Laufbahn gewann er bei den Olympischen Winterspielen 1994 in Lillehammer sensationell Gold im Super-G sowie im Riesenslalom und war damit nach 58 Jahren der erste deutsche Skirennläufer, der Olympiasieger wurde. Bis 2014 analysierte Wasmeier rund 20 Jahre lang als TV-Experte Skirennen bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften und im Weltcup. Am 1. Mai 2007 eröffnete er das Markus Wasmeier Bauernhof- und Wintersportmuseum in Schliersee. Ehrenamtlich engagiert er sich als Botschafter der Stiftung Kindergesundheit.